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| Einblick in das facettenreiche Lebenswerk eines Berliner bildenden Künstlers |
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| Das
skulpturale Oeuvre Joachim Dunkel (1925 -
Berlin - 2002) verstand sich in
erster Linie als Plastiker. In Modellier- oder Brennton, Gips oder
Wachs baute er eine eigene Welt von Menschen- und Tiergestalten, eine
Gegenwelt von Mischwesen, Chimären, Figurengruppen,
Ruinenstücken, und eine Überwelt der Gestirne,
Wolken-, Nebelfronten. Den zentralen Bereich seines plastischen Oeuvres
aber bildet die weibliche Figur. An diesem seinem Kernthema arbeitete
er kontinuierlich und lebenslang; in ihrer Bedeutung wie nach ihrer
Stückzahl übertrifft die weibliche Einzelfigur (von
15 bis 220cm Höhe) mit ihren subtil variierten Haltungen und
Torsierungen alle anderen Darstellungen. Neben die allansichtige
Skulptur trat das Relief als
erzählende Ausdrucksform Dunkels. In den 1960er Jahren vom
Vertikalrelief ausgehend kam der Künstler über das
liegende Relief zur Stätte, sei es als
Schädelstätte Golgatha (speziell in den 1970/80er
Jahren) oder als Ruinenberg, schließlich als Schlachtfeld
Troja in den späten 1990er Jahren angesichts der blutigen
Balkankrise. Unabhängig von Material und Dimension
strukturierte der Plastiker die Oberfläche seiner Arbeiten
seit den 1980er Jahren zunehmend durch graphische Ritzungen und
Schrundungen. Der Übergang der drei Zustände -
vollplastisch, halbplastisch, flächenstrukturiert
- innerhalb des Objekts bezeichnet ein dynamisches, der
Skulptur an sich fremdes Prinzip: die in alle Richtungen ausstrahlende
Bewegung. Nicht selten hob Joachim
Dunkel an seinen Figuren, den
Gipsen wie den Bronzen, Einzelheiten durch Bemalungen hervor. Obwohl
damit eine Grenzüberschreitung des Plastischen in Richtung auf
die Illusion stattfindet, wird umso deutlicher, daß diese
Illusion nicht eintritt, auch nicht erreicht werden soll. Nur der
imaginäre Panzer um die Figur wird durch die Tönung
fester. |
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| 1 Outdoor/Freiraum Die Großbronzen Joachim Dunkels variieren in ihrer Höhe zwischen 275 und annähernd 500 cm. In den reich differenzierten Gebilden unterschiedlicher Thematik kehrt gleichsam als Erkennungszeichen das Motiv der Gestirne immer wieder, versteckt, angedeutet nur als knapp segmentierte Scheibe der Mondsichel, als Sonnenrund oder vollplastisch als Stern. Kleinere, bis
annähernd 250cm hohe Ensembles
etwa in Terracotta (Kinderspielplatz) oder in Aluminiumguß
(Schloß Charlottenburg) folgen den örtlichen
Gegebenheiten und den Vorgaben der Auftraggeber. |
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2
Figur und Portrait Ein
entscheidendes Merkmal von
Dunkels Figurenwelt ist ihre bezwingende Kreatürlichkeit.
Frauen und Männer treten beinahe ausnahmslos ohne jede
Kostümierung in ihrer Nacktheit und Geschlechtlichkeit in
Erscheinung. So gewinnen sie Ursprünglichkeit und
Vitalität, obwohl ihr Körper nicht als Organon
aufgefaßt, nicht leibhaftig funktionsbereit, sondern mehr
oder weniger torsiert ist. Individuelle Züge sind sublimiert
zur menschlichen Figur. Diese erlaubt uns aber kein
Wir-Gefühl, im Gegenteil, irritierende Fremdheit und Distanz
rufen den Eindruck von Unberührbarkeit hervor. Die
torsierten Figuren der
späten Jahre ergänzte Dunkel mitunter durch
Flächenformen, geschnitten aus Papier, Pappe oder Blech, um
auf diese Weise, mit überraschendem Zugriff, deren
körperliche Präsenz zu konterkarieren. Der
Künstler wollte gewiß die sinnliche Ausstrahlung der
von ihm modellierten Körper - gleichermaßen jedoch
immer auch eine idolhaft anmutende Unvertrautheit und
Entrücktheit. Über
einen Zeitraum von
rund 50 Jahren entstanden 30 Portraits, 10 Selbstportraits und diverse
posthume Köpfe. In ihrer Bindung an die flüchtige
Zeichnung, die gleichwohl nicht flieht sondern eher angreift, auch
anrührt, eignen sich diese plastischen Portraits nicht
für ein Pantheon, eine Walhalla oder eine
Ehrenbürgergalerie. Dunkels Arbeiten sind sublime Aussagen
über das Gegenüber, das ohne Datenschutz, ohne den
Panzer seiner Außenhaut, als verletzliches, aber auch selber
verletzendes Individuum erscheint. |
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| 3 Motiv und Gegenstand Aus der erzählenden Welt antiker Mythologie griff Joachim Dunkel drei Motivkreise auf: den Troja-Komplex vom Parisurteil zum Schlachtfeld; die Metamorphose als Kombination von Menschen-, Tier- und Pflanzengestalt; das Götter- und Totenreich. Die Motive stellte er frei von archäologischen Verpflichtungen dar, die drei Frauen des Paris-Urteils etwa sind durch kein Attribut, durch keine Pathosformel ihrer Gebärden als Göttinnen erkennbar. Aus der biblischen
Überlieferung hat Dunkel
neben den apokalyptischen Reitern zwei Motivkreise immer wieder neu
umkreist und gestaltet: die Geschichte des ersten Menschenpaares und
den Opfertod Christi am Kreuz. Keine der Arbeiten in diesem Feld ist
als Auftragsarbeit entstanden. Es geht hier explizit nicht um eine
Illustration theologischer Zusammenhänge; es ist nur das
folgenreiche, ungeheuerliche Geschehen, das in immer neuen,
vielfigurigen Konstellationen festgehalten ist. Mit Vorliebe widmete sich
der Plastiker lebenslang dem
Pferd und der Einheit von Roß und Reiter. Nie stehen seine
Pferde in Ruheposition. Vielmehr ist der besondere Aspekt von
Schönheit dargestellt, der in konzentrierter, anstrengender,
mühseliger Bewegung liegen kann. |
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Terracotta Arbeiten in Brennton entstanden immer nur sporadisch. Zwischen 1966 und 1968 sechs, 1976 und 1982 je zwei Hunde, die sämtlich einer "Rasse" zugehören (etwa 25x35cm). Im Zeitraum von 1978 bis 1990 wuchs jeweils zur Weihnachtszeit ein Krippenszenario auf über 100 Teile an, die Figuren max. 20cm hoch. In den Jahren 1981-83 baute Joachim Dunkel zehn sog. pocket parks, tempel- oder burgähnliche Ruinen, die er sich durch geeignete Pflanzen bewachsen vorstellte, darunter zwei auch als Aquarien zu nutzende "Arkadien". 1990 realisierte der
Künstler fünf bis
zu 100cm hohe Phantasietiere für den Spielplatz eines
Kleinkindergartens. Sechs Sockeltiere, rund 50cm hoch, stammen von 1990
und 1995. Seine Bronzen zum Troja-Komplex ergänzte Dunkel 1999
in Terracotta mit einem Pferd und einem Reiter, beide Plastiken in
extremer Bewegung. Parallel zu den genannten
Arbeiten entstanden
kleinformatige weibliche Figuren. Die Terracotta ist entweder
rötlich engobiert, mit Tinte laviert oder farbig bemalt,
lediglich einer der großen Hunde trägt eine Glasur. |
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| Das
grafische Oeuvre Joachim Dunkel gehörte zu den Bildhauern, die zugleich leidenschaftliche Zeichner sind. Nur in raren Fällen sind unter den Blättern Skizzen und Vorstudien zur Plastik. Außer dem umfangreichen Corpus der sog. Bildhauerzeichnung im engeren Sinn existiert ein ebenso umfangreiches Werk erzählender Blätter, mitunter in Zyklen konzipiert, an denen der Zeichner über Jahre hindurch arbeitete. Zu
den Arbeiten auf
Papier zählen annähernd 100 Holzsschnitte resp.
Druckstöcke, die in Papierabzügen von der Hand des
Künstlers vorliegen. Lithographien und Radierungen entstanden
im Rahmen der Lehrtätigkeit Dunkels an der Westberliner
Hochschule der Künste im Fachbereich Visuelle Kommunikation.
Diese Arbeiten aus den Jahren 1978 und 1985-88 sind bislang nicht
erschlossen. |
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Figur und Gruppe In den Zeichnungen begegnen wir den verschiedensten Instrumenten und Materialien: Blei- und Farbstiften ebenso wie dem Kugelschreiber, Filzstift, der Feder in allen Varianten und dem Pinsel. Seit den 1980er Jahren zunehmend liebte es der Künstler, diese Mittel kombiniert einzusetzen und ausdrucksstarke farbige Akzente zu setzen. Keine
Figur, keine Szene verfestigt sich bei Dunkel innerhalb definierter
Umrisse. Alles Dargestellte bleibt vielmehr pulsierend in einem kaum zu
beschreibenden Schwebezustand. Der Zeichner verzichtet auf eine
Sicherheit, die auch den Betrachter in Sicherheit wiegen
würde. Was als Angabe eines anatomischen Details erscheint,
ist stets in Wahrheit ein impulsiver Strich oder eine Anzahl solcher
Bewegungszüge. Primär das Transitorische wird dadurch
betont. Und die vom Gegenstand sich lösende Form wird frei zum
Ausdruck von Seelischem und Geistigem, das der dargestellten Figur
zugehört, zugleich aber auch auf den Künstler
zurückverweist. Diese Identifizierung bewirkt eine
intensivere, tiefer greifende Ansprache des Betrachters als jede
unverrückbar gemachte "objektive" Feststellung. |
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2 Mythologie
und Fiktion Ohne spezifische
Bindung an archaische, antike oder nachantike Darstellungstraditionen
erfand Dunkel Mischwesen und Kreaturen reiner Fiktion und komponierte
sie zu lebensvollen Gruppen. |
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| 3 Szene
und Thema Zyklen zu "Reineke Fuchs", zum "Sommernachtstraum", zu "Macbeth", "Don Quichote", "La Belle et la Bête", "Chevalier de Florian" oder zu afghanischen Märchen zeugen von der zeichnerischen Fabulierlust Dunkels, die sich aus Epos, Roman und Drama ihre Anregung suchte. Aus der
Überlieferung wählte er sich
bevorzugt das Todesthema. Stichworte sind z.B. Ritter, Tod und Teufel;
der Tod und das Mädchen; der Totentanz; das Blutgericht. Den
Kampf mit tödlichem Ausgang exemplifizierte Dunkel am Ritual
des Stierkampfes auf seinen zahlreichen Blättern zum "Tod am
Nachmittag" . Innerhalb der biblischen
Überlieferung
beschäftigten den Zeichner folgende Topoi: Sündenfall
und Vertreibung aus dem Paradies, Golgatha, Auferstehung,
Höllensturz, Ester und Salome. Seit 1976 entstanden im
französischen Jura
Landschaftszeichnungen und Naturstücke
ausschließlich plein-air. Einen weiteren Werkkomplex bilden
die Pferde- und Reiterdarstellungen. Tierstudien nach der Natur nehmen
im zeichnerischen Oeuvre Dunkels ihrer Anzahl nach nur einen marginalen
Platz ein. |
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| 4 Holzschnitt Im Werk Joachim Dunkels nehmen die Holzschnitte eine besondere Stellung ein. Nur in den Jahren 1948-49 und 1991-99 entstanden, verblüfft ihre unmittelbare Wucht und expressive Kompaktheit, die mitunter fast etwas Bedrohliches hat. Auf Blättern von oft geradezu mächtigem Format entwickeln sich gedrängte, auf knappe, jedoch stets gegenständliche Formen reduzierte Darstellungen, denen der markante, dem Medium eigene Schwarzweißkontrast eine suggestive Kraft verleiht. Charakteristisch ist, daß die Schauplätze der Szenen keine oder allenfalls eine äußerst geringe, auf Andeutungen beschränkte Rolle spielen. In diesem Zug kommt der Plastiker, der vorrangig durch seine Figuren "sprechende", in Figuren denkende, ganz auf deren Haltung und Gesten konzentrierte Künstler zur Geltung. Motive der
annähernd 50 frühen
Holzstöcke: Variété und Zirkus, Karneval
und Maske, Phantasietier und Reiter, männliche und weibliche
Einzelfigur, Paarfigur, Szenen aus der Bibel. Motive der
annähernd 50 späten
Holzstöcke: Reineke Fuchs, Hubertushirsch, Totentanz, Tod am
Nachmittag (Stierkampf), weibliche Figur, Szenen zu Orpheus, Marsyas,
Actaeon, Daphne, Adonis, Hector. |
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